Vergesst die Fiskalpolitik nicht!

von Univ.-Prof. Dr. Andre Schmidt

Noch ist es nicht amtlich, aber es steht zu befürchten, dass die deutsche Volkswirtschaft zum Frühjahr dieses Jahres offiziell in eine Rezession abgleitet. Im 4. Quartal 2021 schrumpfte die deutsche Volkswirtschaft bereits um 0,3 Prozentpunkte und es ist durchaus möglich, dass dieser Schrumpfungsprozess auch im ersten Quartal dieses Jahres seine Fortsetzung findet. Nach der Definition der Europäischen Union spricht man von einer Rezession, wenn eine Volkswirtschaft zwei Quartale hintereinander ein schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt aufweist. Folgt man dieser Definition, dann wird die Rezession in Deutschland Realität. Vorbei sind damit die Wunschvorstellungen nach einem schnellen Aufschwung. Dieser ist erst einmal verschoben.

Gleichzeitig steigen jedoch die Inflationsraten auf ein neues Rekordniveau. Auf den ersten Blick mag das verwundern, denn bereits in den einfachsten Lektionen des allgemeinen Wirtschaftskundeunterrichts lernt eigentlich jeder Schüler, dass eine Rezession durch deflationäre Entwicklungen und ein Wirtschaftsboom durch Inflation gekennzeichnet sei. So steht es in allen Schul- und Berufsschulbüchern, wenn es um die Beschreibung von Konjunkturzyklen geht. Demnach wäre die gleichzeitige Existenz von Inflation und Rezession gar nicht möglich.

Idealtypisch mag das zwar stimmen, aber grundsätzlich müssen sich Inflation und Rezession nicht ausschließen. Für den Verlauf der Konjunktur kommt es vor allem darauf an, von welcher Marktseite die Störungen ausgehen. Das aktuelle konjunkturelle Umfeld ist von zwei sich widersprechenden Effekten gekennzeichnet. Auf der einen Seite besteht nach der Corona-Pandemie ein hoher Überhang an Konsum- und Investitionsgüternachfrage. In Deutschland wird dieser Überhang auf eine Höhe von 220 Mrd. Euro geschätzt. Dieser Überhang zeichnet sich hauptverantwortlich für den hohen Inflationsdruck, den wir seit Sommer des letzten Jahres beobachten. Unter normalen Umständen ist ein solcher Nachfrageüberhang kein Problem, denn spätestens, wenn sich die Angebotsseite mit einer Ausweitung des Angebots an die höheren Preise angepasst hat, wird der Nachfrageüberhang und damit der Inflationsdruck abgebaut. Daher dominierte im letzten Jahr die Vorstellung, dass es sich bei der Inflation im Euroraum nur um ein transzendentes Phänomen handeln würde.


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WSH-Telex-2022-03-28.pdf

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